Gutachten

Was ist ein Gutachten und welche Ziele verfolgen wir?

Oftmals geraten Menschen in eine Situation, die einer dringenden Entscheidung bedarf. Fahren wir auf eine Ampel zu, die kurz vor dem Überqueren der Straße auf Gelb schaltet, so stehen wir vor der eher einfachen Wahl, entweder schnell weiterzufahren oder doch abzubremsen. Wenn diese Notwendigkeit einer Entscheidung jedoch von vielen Alternativen geprägt ist und  tiefgehende Konsequenzen nach sich ziehen könnte, wird das objektive Handeln für den Einzelnen zunehmend erschwert. Gerade im Zuge zwischenmenschlicher Konflikte, wie sie im familiären Kontext auftreten, kann ein externer Eingriff in den Entscheidungsprozess bspw. durch ein richterliches Urteil, zwingend erforderlich werden. Dies gilt vor allem für Situationen, in denen das Wohl eines oder mehrerer Kinder maßgeblich an die Folgen gebunden ist. Das Gutachten stellt dabei die ausführlichste Hilfestellung in der Entscheidungsfindung dar.

 „Beobachten, Beschreiben, Erklären und Vorhersagen“

Entsprechend der Grundsätze der Psychologie und der Annahme einer Regelhaftigkeit des menschlichen Verhaltens, gestalten sich auch die Ziele eines psychologischen Gutachtens. Orientiert an der Fragestellung werden die relevanten Aspekte der Konfliktsituation identifiziert, sowie die Kriterien der Handlungsalternativen objektiv zusammengestellt. Um den Wert möglicher Entscheidungen und ihren Informationsgehalt herauszustellen, leitet der Gutachter aus der globalen Fragestellung die psychologischen Fragen ab. Soll bspw. in einer Aufenthaltsstreitigkeit entschieden werden, welcher Wohnort eher dem Wohl des Kindes entspricht, so ist es notwendig, einen vollständigen Informationsgewinn der einzelnen Alternativen zu gewährleisten. Hierzu zählt neben dem jeweiligen elterlichen Umfeld, ebenso der schulische oder freizeitliche Kontext des Kindes. Auch sollten weitere Verwandtschaftsverhältnisse, wie Wohnort der Großeltern und eine mögliche dritte Alternative („Wechselmodell“) nicht vergessen werden. Ziel des Gutachtens ist dabei im Rahmen familienrechtlicher Vorgaben (BGB, SGB, Familienrecht) eine leicht verständliche, sowie ausführliche Strukturierung der situationsrelevanten Informationen darzulegen, um anhand der nun vergleichbaren Alternativen eine adäquate Entscheidung treffen zu können. Dabei steht das Erarbeiten einer Lösung zum Wohl des Kindes immer an erster Stelle und entsprechend gestaltet sich unsere Vorgehensweise.

 

Welche Fragestellungen übernehmen wir?

Nach deutschem Sprachgebrauch wird ein Konflikt als eine „durch das Aufeinanderprallen widerstreitender Auffassungen, Interessen o. Ä. entstandene schwierige Situation, die zum Zerwürfnis führen kann“ (Duden online 2014) definiert. Innerhalb einer Familie kann eine solche Unvereinbarkeit einzelner Interessen oder Ansichten, wie z.B. die elterliche Sorge, die Notwendigkeit einer meditativen Beratung oder letztlich ein gerichtlich angeordnetes Familiengutachten hervorrufen. Bevor eine innerfamiliäre Auseinandersetzung jedoch zu einem resoluten Zerwürfnis führt, übernehmen wir folgende Fragestellungen, auch in der Beratung außerhalb eines Gutachtenauftrags. Sehr gern stehen wir als diplomierte Psychologinnen auch für vermittelnde Gespräche innerhalb der Familien- bzw. Partner- oder Eheberatung zur Verfügung. Gegenstand unserer Tätigkeit als Gutachterinnen für Familienrecht und in entsprechender beratender Instanz sind insbesondere Fragestellungen, wie:

 

Wie gestaltet sich unsere Arbeitsweise?

Unser Vorgehen bei der Begutachtung einer familiären Konfliktsituation ist gekennzeichnet durch eine empathisch- sachliche Arbeitsweise und orientiert sich in ihrer Struktur an dem Leitfaden zur Gutachtenerstellung von Westhoff & Kluck (2008). Dementsprechend nutzen wir für die Zusammenstellung aller Informationen die entscheidungsorientierte Diagnostik, ergänzt durch weitere empirisch- fundierte Erhebungsinstrumente. Die Betrachtung der Familienmitglieder folgt dabei einer systemisch- dynamischen Ausrichtung, wobei regelhafte Verhaltensstrukturen und die spezifischen Interaktionen bzw. Transaktionen dauerhaft in ihrem inneren, sowie äußeren Umfeld erfasst werden. Das Erleben und Verhalten eines Kindes ist zunächst geprägt durch die Hauptbezugspersonen, sowie deren vergangenen und gegenwärtigen Wechselbeziehungen. Eingeschlossen sind hier die Bindungsstrukturen zueinander bzw. zum Kind. Aber auch das weitere soziale Umfeld, wie Geschwister, Halbgeschwister, Peers, Lehrer, Erzieher oder Verwandte zweiter Linie etc. können maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Eine länger anhaltende, prozessorisch- orientierte Begutachtung aller Beziehungen im vollständig zu erfassenden Kindesumfeld erscheint notwendig.

 

Um die von der generellen Fragestellung abgeleiteten psychologischen Variablen (Organismus, Umgebung, Kognition, Soziales etc.) mit Informationen füllen zu können, nutzen wir zum einen explorative Verfahren, sowie teilnehmende Beobachtungen. Es werden Einzel-, aber auch gemeinsame Gespräche z.T. im Sinn eines diagnostischen Interviews, geführt. Andererseits bedienen wir uns, sollte dies im jeweiligen Fall erforderlich erscheinen, standardisierter Verfahren. Hierzu zählen Tests und projektive Erhebungsinstrumente.Letzteres sollte vor allem gemäß dem Selbstbestimmungsrecht des Kindes Verwendung finden und wird von uns als kind- bzw. altersgerechte Methode der Gesprächsführung eingesetzt. Unser Vorgehen kann im Allgemeinen anhand folgender Schritte strukturiert werden:

 

  1. Ausführliche interne Vorbereitung nach Eingang des Falles bzw. der Fragestellung,
  2. Kontaktgespräche mit den Sorgeberechtigten (gemeinsam, soweit möglich und einzeln),
  3. Informationssammlung via teilstandardisierter Gespräche mit den Sorgeberechtigten, den Kindern, Geschwisterkindern und via standardisierter Verfahren (projektive Verfahren, Tests),
  4. Verhaltensbeobachtung des Kindes im sozialen Gefüge,
  5. Einbeziehung weiterer beteiligter Institutionen (Jugendamt, Schule, etc.),
  6. Abschlussgespräche (gemeinsam, soweit möglich und einzeln).

 

Alle Aufträge werden von uns gemäß einer dualen Methode ausgeführt, sodass an einem Gutachten immer beide Psychologinnen gemeinsam arbeiten. Dabei übernimmt eine Gutachterin die Verantwortlichkeit für den jeweiligen Fall, für welchen die zweite Gutachterin in beratender Funktion zur Seite steht. Jedes Kriterium wird miteinander diskutiert und findet schließlich entsprechende Betrachtung im niedergeschriebenen Gutachten. Einige Gespräche, die einer systemisch- ökonomischen Beobachtung dienlich sind (bspw. im häuslichen Umfeld), erfolgen im Zuge sozialer Reaktivität in Einzelarbeit. Diese Gespräche unterliegen allerdings einer gemeinsamen Vorbereitung, sowie einer abschließenden Besprechung. Das „Vier- Augen“- Prinzip gewährleistet nicht zuletzt durch den Gedanken der Supervision eine konstruktive, lösungsorientierte Vorgehensweise. Die Gutachtenerstellung umfasst ca. drei Monate, wobei die Hauptergebnisse in einem Abschlussgespräch mit den Eltern gemeinsam oder in Einzelgesprächen besprochen werden können.